Niemand kann mich daran hindern gelegentlich umzudenken

Ich muß zugeben, daß ich beim Thema „Klimawandel“ lange Zeit sehr skeptisch war. Das lag hauptsächlich an der Art und Weise wie selbsternannte Klimaexperten ihre zum Teil völlig übertriebenen Katastrophenszenarien, die besser in einen Hollywood-Blockbuster gepaßt hätten, in der Presse verbreitet haben um in möglichst viele Talkshows eingeladen zu werden um dort wiederum Werburg für ihre Bücher machen zu können. Das wirkte auf mich einfach nur  unsachlich, unseriös und reisserisch. Wer nicht gleich brav in Panik und Hysterie ausbrach wurde zum bösen „Klimaleugner“ erklärt. Ich erinnere mich noch an die Schlagzeilen im größten deutschen Boulevardblatt kurz nachdem sich die Aufregung um den Jahrtausendwechsel gelegt hatte. Ein bischen mehr Sachlichkeit wäre sicher dienlicher gewesen um den Blick der Menschen für die Problematik des Klimawandels zu schärfen.

Inzwischen kommt man aber auch als Langstreckenläufer nicht mehr um das Thema herum. Ich laufe jetzt schon seit Wochen nur noch morgens in aller Frühe bevor es ins Büro geht und sehe zu, daß ich am Wochenende auch bei längeren Trainingsläufen um 10:00 zu Hause bin. Die klassischen 10K-Strassenrennen, die bei größter Hitze um 14:00 oder 15:00 gestartet werden, habe ich bis auf weiteres aus meinem Terminkalender gestrichen. Vielleicht sollten die Veranstalter an dieser Stelle anfangen umzudenken. Bei Veranstaltungen des IVV kann man inzwischen fast immer schon um 7:00 auf die Strecke gehen. Einen typischen Volks- oder Dorflauf habe ich um diese Zeit noch nicht erlebt. Gemeckert wird natürlich immer, aber vielleicht wäre das eine Überlegung wert.

Bei meinem gestrigen Lauf durchs Aartal fand ich den Pegelstand – auch in den Zuflüssen -schon leicht erschreckend. An vielen Stellen hätte man hindurch waten können, ohne sich nasse Knie zu holen. Früher haben wir dort im Sommer herum geplanscht.

 


Über die Todsünde der körperlichen und geistigen Faulheit und was das ganze mit kruden Nachrichtenblogs und vereinfachten Weltbildern zu tun hat

Ich bin bestimmt kein religiöser Mensch und daß ich eine Bibel in der Hand hatte, ist schon ziemlich lange her, aber über manche Dinge haben sich die Autoren des Buches der Bücher (soll nicht abwertend gegenüber anderen Büchern ähnlichen Kalibers gemeint sein) schon ihre Gedanken gemacht. Das die Faulheit eine der sieben Todsünden ist, hat schon seinen guten Grund. Der Mensch tendiert naturgemäß eher zur Faulheit als zur Anstrengung und dementsprechend gibt es mehr Menschen, die ihre Freizeit auf der Couch verbringen als beim Laufen. Die Strafe für körperliche Faulheit folgt oft nach vielen Jahren in Form von Übergewicht, gesundheitlichen Problemen und möglicherweise sogar durch eine verringerte Lebenserwartung. So weit, so gut. Ich will niemanden zum Langstreckenläufer bekehren, ich bin kein Lauf-Guru und letztendlich ist jeder für sich und seine Gesundheit selbst verantwortlich.

Bei der geistigen Faulheit sieht das etwas anders aus. Wenn man sich derzeit in den sozialen Netzen umschaut stellt man fest, daß geistige Faulheit durchaus durchgreifende und sogar beängstigende negative Auswirkungen auf manche Menschen haben kann. Boulevardblätter verkaufen sich millionenfach, private Nachrichtenblogs in denen die Welt in einem vereinfachten schwarz-weiß dargestellt werden haben monatlich fünfstellige Zugriffszahlen (dieser Blog ist immer noch dreistellig), Diskussionsforen in denen radikal vereinfachte Weltbilder geplärrt werden (sachliche Diskussion erfordert da schon zu viel geistige Anstrengung) haben ein paar Tausend angemeldete User. Aber wer liest schon ein anspruchsvolles Buch über Ethik oder Toleranz? Es ist eben einfacher, pauschalisierende Parolen über „den Islam“ (oder „die Kirchen“ oder „die Juden“) abzunicken als sich beispielsweise mit viel Zeitaufwand über 16 verschiedene muslimische Glaubensrichtungen mit zum Teil völlig gegensätzlichen Ansichten zu informieren oder mal ein interessantes Gespräch mit einem Muslimen zu führen oder schwierige historische Zusammenhänge zu recherchieren. Es ist einfacher, sich sein Weltbild aus einem Dutzend zum Teil verfälschter und tendenzieller Kurznachrichten zu basteln als sich aus seriöseren Quellen mühsam die Hintergründe zusammen zu suchen. Qualitativ hochwertige Informationen bekommt man heutzutage nicht mehr zum geistigen Nulltarif. Mitdenken, in Frage stellen, quer checken und lieber noch eine andere Sicht zum gleichen Fall lesen ist anstrengender, dauert länger, ist aber besser als sich manipulieren zu lassen. 7 Milliarden Menschen in eine handvoll Schubladen zu stecken ist zwar einfach und entspricht unserem Hang zur geistigen Faulheit, sorgt aber möglicherweise für ein Weltbild das weit an der viel komplizierteren Realität vorbei geht. Und vor Menschen mit einem radikal vereinfachten Weltbild bekomme ich so langsam Angst. So manch einer sollte daher vielleicht doch lieber mal die Laufschuhe aus dem Schrank holen, ein Stündchen entspannt durch den Wald traben und darüber nachdenken, ob er in letzter Zeit nicht doch der einen oder anderen vereinfachten Denkweise aufgesessen ist. Bekanntlich wird Laufen gerne mit Meditation verglichen, Meditation fördert geistige Klarheit und ich glaube, daß wir diese derzeit nötig haben.


Warum nicht mal ein (richtig langer) Sololauf (und ich rede jetzt nicht von der altbekannten Hausrunde)?

Von bekannten Trail- und Ultraläufern liest man schon seit Jahren immer wieder über zum Teil beeindruckende Sololäufe fernab von organisierten (Massen)Veranstaltungen. Ich denke da an Lizzy Hawkers Läufe vom Himalaya basecamp nach Kathmandu, Kilian Jornet auf dem Fernwanderweg quer durch Korsika, Scott Jurek auf dem Appalachian Trail oder Joey Kellys Lauf quer durch Deutschland zur Zugspitze. Oder auch an Läufe von Nicht- und Semiprofis für Spendenaktionen oder zum Zwecke der Völkerverständigung wie zum Beispiel Denis Wischniewskis Etappenlauf von München zur türkischen Grenze. Ob solche Aktionen aus Spaß am Laufen gemacht werden, für einen guten Zweck oder um sich und seine Sponsoren zu präsentieren ist mir eigentlich egal. Wenn man die Berichte liest bekommt man direkt Lust, auch einfach mal den Rucksack zu packen und dort zu laufen, wo man noch nie gewesen ist. Müssen ja nicht gleich 200 Kilometer nonstop sein. Ein gemütlicher (Halb)Marathon auf einem Premiumwanderweg ganz ohne Drumherum kann eine ganz neue Erfahrung sein (vor allem wenn man eine gefühlte Ewigkeit keiner Menschenseele begegnet). Hier bei uns gibt es im Umkreis von 50 Kilometern rund zwei Dutzend Premiumwanderwege mit den unterschiedlichsten Längen bis zu 42 Kilometern und dazu noch mehrere Fernwanderwege. Ein halbes Stündchen mit dem Auto in eines der umliegenden Mittelgebirge reicht völlig, um Abenteuerfeeling aufkommen zu lassen. Und wer es noch etwas abenteuerlicher mag, stellt sich seine eigene Strecke per Locus map oder einer anderen App zusammen oder läuft irgendwo auf gut Glück los und verläßt sich auf sein GPS.

Die Vorteile liegen auf der Hand:

  1. Kein Startgeld, keine Voranmeldung, kein Teilnehmerlimit, keine Parkplatzprobleme, kein Zeitlimit, keine Warterei auf den Startschuß, kein Gedränge beim Start.
  2. Flexibilität. Ich suche mir die Strecke aus, kann praktisch starten wie es mir paßt und wenn mir die Strecke besonders gut gefällt oder auch nicht, kann ich notfalls auch improvisieren, abkürzen, verlängern oder einen ungeplanten Abstecher zu einer Sehenswürdigkeit machen
  3. Die Einsamkeit des Langstreckenläufers. Laufen pur. Nur du, dein innerer Schweinehund und die Strecke. Das werden viele jetzt nicht unbedingt als Vorteil ansehen, aber manchmal liebe ich das einfach.

Damit es nicht heißt, daß ich etwas gegen organisierte Events habe (ich nehme schließlich oft genug an solchen teil) will ich die Nachteile von Sololäufen nicht unter den Tisch fallen lassen. Zumal man sich vor dem Start noch über den einen oder anderen Aspekt Gedanken machen sollte. Einfach so ganz ohne Plan loslaufen ist nicht.

  1. Kein Support, keine Verpflegungsstellen, keine Helfer von DRK, Malteser u.s.w . Alles was man benötigt muß man mitschleppen. Von der Verpflegung (fest und flüssig) bis zum Notfallset. Mit Rucksack laufen ist nicht jedermanns Sache und sollte vorher auf kürzeren Strecken geübt werden. Verlaßt euch auch auf bekannten Strecken nicht völlig darauf, daß ihr unterwegs etwas kaufen könnt. Das bekannte Ausflugslokal mitten im Wald kann wegen Krankheit geschlossen sein, die Tankstelle dicht gemacht haben und der Bäcker hat vielleicht seine Öffnungszeiten geändert. Ich schleppe lieber einen halben Liter Iso und zwei Riegel umsonst durch die Gegend als die letzten Kilometer mit Hungerast oder dehydriert zu laufen.
  2. Kein Besenwagen, kein Streckentaxi. Entweder man weiß genau, was man sich wann zumuten kann oder man sollte einen Plan B in der Tasche haben falls man doch mal einen schlechten Tag erwischt hat oder etwas Blödes passiert (verstauchter Knöchel, Magenprobleme o.ä.). Ein Handy sollte man bei solchen Aktionen sowieso immer dabei haben. Wenn zu Hause jemand sitzt, der einen notfalls abholen kann – umso besser. Ansonsten hilft nur Kleingeld für Bahn, Bus oder Taxi.
  3. Die Motivation. Bei organisierten Läufen kann man sich immer mal an jemanden dranghängen, der einen zieht oder moralisch aufbaut. Wenn man alleine unterwegs ist kommt der mentale Knackpunkt unter Umständen viel früher als beim Citymarathon. Damit sollte man rechnen und für den ersten Solorun vielleicht einen schönen Rundkurs aussuchen bei dem man über Zubringerwege kürzere Alternativstrecken nehmen kann. Viele Premiumwanderwege bieten sich da geradezu an.
  4. Es gibt halt nichts zu gewinnen. Keine Urkunde, keine Finishermedaille, kein Eintrag in einer Bestenliste, kein Altersklassensieg. Wenn du auf den Kniescheiben wieder am Auto ankommst jubelt dir niemand zu. Siehe Punkt 3. Andererseits hat man etwas worüber man schreiben kann und was nicht schon jeder Hinz und Kunz aus dem Lauftreff schon fünfmal gefinished hat wink.

Persönliches Fazit: Einen richtig schönen langen Sololauf sollte man einfach mal gemacht haben. Immer nur perfekt durchorganisiert kann irgendwann langweilig werden. Immer nur die gleiche Distanz im Wettkampf wird ja schließlich auch irgendwann langweilig.

 


„Zählt der Lauf überhaupt?“

Wenn auf Geburtstagfeiern irgendwo zwischen Kaffee und Abendessen so langsam die Gesprächsthemen ausgehen, werde ich gelegentlich gefragt, was es denn bei meiner Lauferei neues gibt. Platzierungen und Zeiten erwähnen ich schon gar nicht mehr – interressiert sowieso niemanden. Ich beschränke mich daher meist auf eine kurze Aufzählung, wo und bei welchen Veranstaltungen ich zuletzt unterwegs war. Man kommt ja schließlich herum und meistens ist das Thema damit auch schon wieder erledigt. In diesem Fall wurde ich bei der Erwähnung eines Freundschaftslaufes gefragt, ob so ein Lauf denn überhaupt zählt. Gute Frage. Wer zählt überhaupt Langstreckenläufe und wozu und warum sollte mich diese Frage überhaupt kümmern? Es gibt Läufe, die in der Bestenliste des DLV auftauchen, aber die müssen bestimmte Bedingungen erfüllen. Dann gibt es noch die Läufe, die in der DUV-Statistik auftauchen, aber auch die ist nicht vollständig, weil nicht jeder Lauf gemeldet wird. Privat veranstaltete Rennen sind ja auch nicht weniger wert nur weil sie kein offizielles Label haben. Bei vielen Veranstaltungen müßte ich – wenn es mich interessieren würde – erst einmal nachforschen, ob sie irgendwo angemeldet wurden. Freundschafts- und Gruppenläufe können durchaus als offizielle Volkslaufveranstaltungen zählen, aber gibt es für die eine Statistik? Nicht das ich wüßte. Dann gibt es ja auch noch die IVV-Wandertage. Ich laufe dort gerne mit und nutze die Gelegenheit für einen langen Trainingslauf. Am Ende gibt es – je nach Veranstaltung und unabhängig davon, ob man gewandert oder gerannt ist – meist auch noch eine Urkunde und gegebenenfalls einen Stoffaufnäher oder einen Anstecker. Für mich zählen solche Veranstaltungen auf jeden Fall, wobei wir bei meiner persönlichen Statistik wären. Ich führe eine Liste aller Veranstaltungen, bei denen ich jemals mitgelaufen bin (eine simple nach Datum sortierte Excel-Tabelle). Dabei ist es mir ganz egal, ob es sich um offizielle Rennen, Freundschaftsläufe, Volkswanderungen oder etwas ganz anderes handelt. Die einzige Bedingung, die ich für mich persönlich stelle, damit eine Veranstaltung in meine Liste aufgenommen wird ist die, daß sie in irgendeiner Form angekündigt und/oder dokumentiert sein muß. Das gilt sogar für (halb)offizielle Tranings- und Gruppenläufe, die im Vorfeld mancher Veranstaltungen angeboten werden.

Die Frage ist natürlich, wie wichtig so etwas überhaupt ist. Bisher hat sich niemand ernsthaft dafür interessiert, wie viele Rennen oder Veranstaltungen ich im Laufe der Jahre mitgemacht habe (es sind inzwischen fast 200) oder wie viele Kilometer ich bei solchen Veranstaltungen inzwischen gelaufen bin (über 5.000).

Was zählt also? Jeder Lauf ist eine Erfahrung, die ich gemacht habe und da spielt es keine Rolle, ob das Ergebnis in einer offiziellen Statistik auftaucht. Bei vielen Läufen lerne ich neue Menschen kennen, geniesse neue Aussichten und laufe auf Wegen, über die ich zuvor noch nicht gelaufen bin. Das zählt. Alles andere sind nur Zahlen.

 


Geht es auch mal unpolitisch, Teil2

Mit Laufzeitschriften ist das ja so eine Sache. Manche Läufer halten sie für so entberlich wie Zeitschriften über das Kaugummikauen, ich persönlich kaufe mir immer wieder mal eine, weil ich gerne Berichte über exotische Events lese und manchmal lieber etwas Gedrucktes in der Hand halte als mir die Sachen mühsam im Internet zusammen suchen zu müssen. Eine Zeitschrift – nennen wir sie einfach das „Geländelauf Magazin“ – habe ich mir in den letzten Jahren sogar regelmäßig gekauft. Interessante Berichte, kaum Werbung, sehr gutes Preis-Leistungs-Verhältnis. Die neueste Ausgabe habe ich mir nicht mehr gekauft. Der Grund dafür ist ganz einfach der, daß ich keine Lust habe, immer wieder in einem halbgaren Nebensatz unverhofft die politischen Ansichten des Autors lesen zu müssen. Wenn ich 4,50 € für ein Heft investiere will ich etwas über das Laufen lesen und mich dabei entspannen. Es interessiert mich einen feuchten Staub was irgendein Läufer, den ich nicht einmal persönlich kenne und nicht politisch einschätzen kann, über Trump, den Klimawandel oder die AfD denkt. Wenn ich solche Themen diskutieren will, gehe ich in ein politisches Internetforum und wenn ich die Meinung von „Fachleuten“ lesen will, gibt es die politischen Kolumnen in der Presse. Schlimm genug, daß man seit Wochen keinen Trainingslauf mehr machen kann, ohne die dümmlich grinsenden Gesichter irgendwelcher Politiker zu sehen oder inhaltslose Parolen auf Wahlplakaten lesen zu müssen. Zum Glück kam noch keine Partei auf die Idee, ihren Papiermüll auf die Wanderwege oder meinen Lieblingstrail zu verteilen. Hat wirklich schon einmal jemand seine politische Meinung aufgrund eines dummen Spruches auf einem Wahlplakat geändert? Schade um jeden Baum der dafür gefällt wurde. Heutzutage könnte man den Wahlkampf doch wirklich auf die Medien und das Internet beschränken statt die halbe Stadt mit leeren Versprechungen und ideologischem Dünnpfiff zu verschandeln. Aber immerhin dauert der Wahlkampf nur noch ein paar Tage und irgendwann sind auch die letzten Wahlplakate wieder verschwunden. Laufzeitschriften, die sogar außerhalb des Wahlkampfes immer wieder mit krampfhaft hingerotzten politischen Parolen auffallen, boykottiere ich trotzdem.

 


"Wohin du auch gehst, geh mit deinem ganzen Herzen."

Konfuzius


 

Wo man überall etwas über das Laufen lernen kann

„Wir haben also die Aufgabe, das Ziel mit größtmöglicher Hingabe zu verfolgen und unser Bestes zu tun, dürfen aber nicht auf unsere Vorstellung von einem Ergebnis fixiert sein. Manchmal, ja tatsächlich recht oft, führen unsere Anstrengungen zu einem unerwarteten Resultat, das vielleicht noch besser ist als das ursprünglich erwartete.“ (Die Quelle für dieses Zitat verrate ich erst weiter unten).

Klingt auf den ersten Blick etwas widersprüchlich, aber wenn ich mir die erste Jahreshälfte so durch den Kopf gehen lasse, muß ich zugeben, daß es bei mir tatsächlich zutrifft. Meine besten Ergebnisse habe ich – übrigens nicht zum ersten Mal – erzielt, wenn ich ohne Erwartungen losgerannt bin. Ich bin natürlich schon im Renntempo losgelaufen, wollte aber eigentlich nur meinen Spaß haben. In Iserlohn zum Beispiel war ich dagegen völlig auf ein bestimmtes Ziel fixiert und bin dabei ziemlich auf den Bauch gefallen, weil ich irgendwann gemerkt habe, daß dieses Ziel vermutlich nicht zu erreichen ist und prompt der mentale Einbruch kam.

Ohne überhaupt an die Zielzeit zu denken, bin ich dagegen vor ein paar Jahren meine immer noch gültige persönliche Bestzeit im Marathon gelaufen. Wenn ich dagegen versucht habe bei einem Rennen eine ganz bestimmte Zeit oder ein bestimmtes Ergebnis zu laufen, bin ich schon ziemlich oft gescheitert. Die von mir angestrebte Zeit über 50K habe ich bisher immer knapp verfehlt, vermutlich weil ich immer versucht habe streng nach Kilometerpace zu laufen und ständig auf die Uhr geschielt habe.

Das große Problem liegt aber immer genau in diesem Widerspruch und seiner Überwindung. Ein Ziel zu haben, vielleicht auch im Rennen an die Grenze zu geben, aber mental nicht auf dieses Ziel fixiert zu sein ist wirklich schwierig.

Und für alle, die jetzt darüber rätselt, aus welchem Handbuch für Langstreckenläufer das obige Zitat stammt, habe ich noch eine kleine Überraschung. Es ist nämlich aus dem „Buch der Freude“ von Douglas Abrams (Lotos-Verlag, ISBN 978-3-7787-8265-1). Das Buch entstand aus einem einwöchigen Gedankenaustausch zwischen Desmond Tutu und dem Dalai Lama und gibt einen der vielen philosophischen Grundsätze des Buddhismus wieder.

 


Im Interview mit dem inneren Schweinehund wink

Da die Laufzeitschriften lieber erfolgreiche Profis oder prominente Läufer zu Wort kommen lassen, hat sich mein innerer Schweinehund jetzt entschlossen, mich zum Zwecke der Publicity mal schnell selbst zu interviewen.

Eigentlich wollte ich den Fragesteller mit "I.S." abkürzen, habe mich aber aus naheliegenden Gründen dagegen entschieden (nicht das ich hier noch das BKA auf den Plan rufe). Die Abkürzung "Schweini" ist nicht wirklich besser. Einigen wir uns also auf "S" und "O".

S: Hallo Oli. Wie läuft es denn so.

O: Solange du keine Zicken machst eigentlich ganz gut und wenn ich bei dem Wetter nicht laufen würde, wäre ich ja selbst schuld.

S: Was steht denn bei dir in Sachen Laufen als nächstes so an?

O: Auf jeden Fall der Sommernachtslauf in Limburg, im August der Ultra in Monschau und der "Sunrise to sunset" für das Limburger Tierheim. Danach noch der Trail Rock 24 und der Endurance Trail mit Jörg. Das sind die Termine, die fest gesetzt sind. Alles dazwischen überlege ich mir kurzfristig. Vielleicht endlich mal wieder den Nachtmarathon in Marburg oder den Biggesee.

S: Die Vorbereitungen für den "Sunrise to sunset" laufen ja so langsam an. Hast du schon ein Gefühl, wie viele Leute da mitlaufen werden?

O: Ich habe absolut keine Ahnung. Die Veranstaltung liegt mitten im Sommer, hier in der Nähe sollte an dem Wochenende nichts besonderes los sein, aber es wird wohl auch viel vom Wetter abhängen. Ich muß mich da völlig überraschen lassen.

S: Mal ein paar typische Fragen, die man Läufern eigentlich immer gerne stellt. Mit welchem berühmten Läufer oder welcher Läuferin würdest du gerne mal einen Trainingslauf machen?

O: Da gibt es einige. Mo Farah (britischer Mahrfachweltmeister und Olympiasieger über 5K und 10K) scheint ein netter Typ zu sein. Lizzy Hawker (fünffache Gewinnerin des UTMB, ihr Buch "A short story about a long run" finde ich hochinteressant) hätte bestimmt viel zu erzählen. Mit Kilian Jornet (einer der besten Ultraläufer weltweit) über ein paar Trails im Westerwald zu laufen, wäre auch was. Von Rafael Fuchsgruber (bekannter deutscher Ultra- und Wüstenläufer) könnte man bestimmt ein paar richtig gute Trainingstips bekommen.

S: Dein persönlicher Traumlauf?

O: Da gibt es auch mehrere. Als Top3 derzeit vielleicht der Swissalpine, der Allgäu Panorama Ultra und der Trans Gran Canaria. Wobei die ersten beiden machbar wären, der dritte aber wirklich ein Traum ist.

S: Wenn an einem Wochenende in deiner Nähe ein 5K und ein Marathon stattfinden - was läufst du?

O: Wenn ich fit bin eigentlich immer die längere Distanz.

S: Wo würdest du mit ziemlicher Sicherheit niemals mitlaufen?

O: Strongman run und andere Extremhindernisläufe. Mit Nässe und Kälte komme ich nicht zurecht. Da würde ich vermutlich das Handtuch werfen. 6 oder 12-Stunden-Läufe auf der 400-Meter-Bahn sind auch nichts für mich. Iserlohn mit seiner 2K-Runde ist in diesem Bereich die Grenze. Das Gleiche gilt für Hallenläufe. Lieber renne ich im Winter durch den Westerwald.

S: Was ist deine Hauptmotivation beim Laufen?

O: Ganz einfach der Spaß den mir das Laufen im wieder macht. Egal ob ein entspannter Trainingslauf oder ein Rennen - es muß Spaß machen.

S: Hast du irgendein besonderes Ziel für die Zukunft?

O: Auf jeden Fall einen Ultra in den Alpen finishen, einmal die 100K nonstop laufen und vielleicht doch noch mal einen Versuch machen, die 50K unter 4:30 zu laufen.

S: Es gibt Gerüchte, daß du ein persönliches Laufprojekt planst, bei dem der Rheinsteig eine Rolle spielen soll.

O: Stimmt. Für Details ist es aber noch zu früh. Das Ganze ist noch in der ersten Planungsphase.

S: Dann mal besten Dank und "keep on running".

O: Aber immer.


Was in Erinnerung bleibt

Uns Langstreckenläufern wird in verschiedenen Kolumnen ja gerne nachgesagt, daß wir uns hauptsächlich über unsere Bestzeiten oder unsere Wettkampferfolge definieren und gerne jedem der es nicht hören will erzählen, wie schnell wir vor 10 Jahren mal auf allen möglichen Distanzen gelaufen sind. Stimmt das wirklich? Ich mache mal schnell - gleich nach dem Lesen einer entsprechenden Kolumne - den Selbstversuch.

Check 1: Kenne ich meine persönlichen Bestzeiten und die Veranstaltungen, bei denen ich sie erzielt habe?

Eher nicht. Beim Marathon weiß ich sie fast auf die Sekunde genau und erinnere mich auch noch an die entsprechende Veranstaltung, aber schon beim Halbmarathon weiß ich meine PB nur noch auf die Minute und müßte nachschauen, wo ich sie gelaufen bin, habe aber wenigstens noch eine Ahnung wo es gewesen sein müßte. Auf den kürzeren Strecken weiß ich die PB's auch nur noch grob, habe aber keinen blassen Schimmer mehr, wo ich sie gelaufen bin. Dazu sind sich Straßenläufe einfach zu ähnlich.

Check 2: Kenne ich die PB's der Leute mit denen ich öfter mal laufe?

Ein klares "Nein". Und das liegt nicht an meinem älter werdenden Gedächnis sondern wirklich daran, daß unsere PB's bei gemeinsamen Trainingsläufen und auch sonst nie ein Thema sind. Bei ein paar Leuten weiß ich ungefär, was sie beim Marathon laufen können, aber das hat eher den Hintergrund das man damit in etwa einschätzen kann wie ambitioniert jemand läuft. Wenn ich jemanden eine Weile nicht mehr gesehen habe ist eher die Frage interessant, wo man in letzter Zeit so gelaufen ist, aber nicht in welcher Zeit.

Check 3: Wie würde eine Top10 der Veranstaltungen aussehen, an die ich mich spontan - und natürlich nur im positiven Sinne - erinnere? Finden sich dort wie auch immer geartete Wettkampferfolge, Bestzeiten oder AK-Siege?

Definitiv nicht. In einer solchen Top10 würden sich bei mir erst einmal ein Haufen Feundschafts- und Gruppenläufe finden. Angefangen vom Klingenpfadlauf (haufenweise krasse Typen mit denen man sich toll unterahlten konnte) über Katjas Spendenlauf von Wiesbaden nach Limburg, Trail Rock (immer wieder ein emotionales Highlight), Endurance-Trail bis hin zum Lauf rund um den Edersee. Alles Läufe, bei denen es nicht auf die Zeit ankam, sondern auf das Miteinander. Die einzigen Rennen, die ich nie vergessen werde, waren eher die, bei denen ich froh war überhaupt irgendwann das Ziel zu sehen. Von meinem ersten Marathon bis zur bislang einzigen Teilnahme beim Keufelskopf Ultra.

Schnelles Fazit: Die Kolumne wird mir vermutlich nicht in Erinnerung bleiben.


Vom Minutentakt zur Zeitlosigkeit

Genau genommen leben wir in unserer Gesellschaft im Minutentakt. Eine einzige Minute kann darüber entscheiden, ob wir den Bus erwischen, den Anschlußzug verpassen und damit auch einen dringenden Termin oder ob wir noch rechtzeitig vor dem Chef zum Meeting kommen. Wir richten uns minutengenau nach dem Fernsehprogramm und dem Beginn unserer Lieblingssendung. In unserer Wohnung findet man ein halbes Dutzend Uhren, drei Wecker und zig weitere Geräte, die permament die Zeit anzeigen (unter anderem das Laptop auf dem ich gerade tippe). Es ist fast unmöglich nicht minutengenau zu wissen, wie spät es gerade ist.

Damit komme ich zu einem – übrigens eher selten erwähnten Grund – aus dem ich das Langstreckenlaufen liebe. Man lernt wieder Zeitlosigkeit. Bei langen Trainingsläufen ist es irgendwann völlig egal, ob man gerade zwei oder zweieinhalb Stunden unterwegs ist und wenn mich meine Frau fragt, wann ich wieder nach Hause komme, dann kann die Antwort durchaus „so irgendwann zwischen zwei und drei“ sein.

Noch extremer wird es bei Ultras. Das längste was ich einmal nonstop unterwegs war, waren 14 Stunden von 6 Uhr morgens bis 20 Uhr. Irgendwann hat Zeit einfach keine Rolle mehr gespielt und ich habe nur noch grob in noch zu laufenden Kilometern gedacht.

Und bei kürzeren Trainingsläufen mache ich es mir jetzt immer öfter zur Gewohnheit, die GPS-Uhr nicht mehr am Handgelenk zu tragen, sondern in die Tasche oder den Rucksack zu stecken und einfach drauflos zu laufen. Irgendwie befreiend.

 


Geht es vielleicht auch mal unpolitisch ?

Seit zwei Jahren war ich auf facebook aktiv, habe mich zu Veranstaltungen verabredet, für Spendenläufe Werbung gemacht, Fotos gepostet und kommentiert, aber jetzt ist schluß. Klar ist Politik wichtig, man soll zu seiner Meinung stehen (wenn sie nicht gerade links- oder rechtsextrem ist) und sinnvolle Diskussionen sind OK. Aber wenn man drei Tage hintereinander in verschiedenen Laufgruppen politisch grenzwertiges Geplärre lesen muß, dann langt es mit gerade mal.

Wenn ich polische Diskussionen führen will besuche ich ein Forum mit vernünftiger Moderation (dazu gehört zum Beispiel auch, daß demokratie- und verfassungsfeindliche Beiträge geahndet werden) und kotze mich dort aus, aber Laufen und Politik möchte ich streng getrennt haben. Ich mußte jetzt sogar einen langjährigen Bekannten aus Prinzip aus sämtlichen Kontakt und Anruflisten entfernen, weil mir seine politische Einstellung einfach zu sehr gegen den Strich ging. Eigentlich ein netter Kerl, aber ernsthaft die Abschaffung freier Wahlen zu fordern geht bei mir mal gar nicht.

Und bevor ich mich ernsthaft wegen so einem Mist noch mit jemandem anlege, mache ich lieber meinen facebook account platt.


Laufend verbindet doch !

Im Allgemeinen gelten Langstreckenläufer ja eher als die einzelgängerischen Typen, die zu unchristlichen Zeiten mit dem Knopf im Ohr zu Survivors „Eye of the tiger“ durch den Wald keuchen und höchstens mal ein kurzes „Hallo“ brummeln.

Zugegeben. Nach einem neunstündigen Arbeitstag im Büro nutze ich die Lauferei auch ganz gerne mal, um einfach abzuschalten und den Kopf frei zu bekommen. Da ist mir gute Musik oder einfach nur die Stille im Wald lieber als Smalltalk. Und wenn ich so darüber nachdenke, wem ich bei meinen Trainingsläufen meistens begenge, dann bin ich da nicht der Einzige. Laufen hat nun mal den Vorteil, daß man nicht an Hallen- und Trainingszeiten gebunden ist und einfach nach Lust und Laune loslegen kann ohne sich vorher stundenlang mit jemandem über WattsZap wink verabreden zu müssen. Mit einem Lauftreff würde ich mir schon aus organisatorischen Gründen schwer tun. Außerdem weiß ich im Voraus nie genau, ob ich jetzt 5K locker durch die Gegend trabe oder plötzlich Lust auf 10K mit Intervallen bekomme. Laufen nach Plan und Vorgabe eines Übungsleiters geht bei mir also überhaupt nicht.

Aber stimmt das Image vom „lonely long-distance runner“ grundsätzlich?

Ich denke nicht.

- Rein rechnerisch bin ich im letzten Jahr bei den verschiedensten Laufveranstaltungen vom kleinen Gruppenlauf mit acht Leuten bis zum mittelgroßen Marathon bestimmt 20.000 Leuten begegnet.

- Bei fast jeder Laufveranstaltung kommt man mit netten und interessanten Leuten ins Gespräch und viele trifft man inzwischen auch mehr als einmal, gerade bei den Dorfläufen in der näheren Umgebung (Gruß an Karl-Heinz und Gattin smiley)

- ein großer Teil der Leute mit denen ich in Facebook befreundet bin (Nachtrag: hat sich inzwischen ja erledigt, siehe oben), sind Langstreckenläufer und ich bekomme immer wieder Einladungen zu neuen Veranstaltungen auf denen man sich dann trifft

- Einer meiner neuen Kollegen läuft auch Marathon, weitere Kollegen laufen ebenfalls Langstrecke oder sind schon mal bei Volks- und Firmenläufen am Start gewesen und schon hat man ein Thema für die Mittagspause oder die gemeinsame Dienstreise.

- Hundchen, die im Wald unbedingt den komischen Menschen beschnuppern müssen, der ihnen da entgegen kommt, sind immer ein guter Grund für ein nettes Gespräch mit Frauchen oder Herrchen (vor allem, wenn man selbst Hundebesitzer ist und weiß, wie man die Vierbeiner zu nehmen hat und sich bei einem bellenden Westie nicht gleich in die Laufhosen macht).

Alles in allem habe ich beim Laufen oder durch das Laufen schon mehr Menschen kennen gelernt als auf Rockkonzerten oder Faschingsveranstaltungen. Daher : Keep on running!

 


Randsportarten und Fernsehen

Beim abendlichen 10-Minuten-Zappen durch das - wie üblich - grottenschlechte Fernsehprogramm mal wieder bei den Sportsendern hängen geblieben. Ultralaufen gilt ja als absolute Randsportart. Wenn man die Ergebnislisten grob druchrechnet kommt man in Deutschland auf vielleicht 9.000 Ultraläufer. Zum Vergleich : Jedes Jahr nehmen in Deutschland etwa 2.000.000 Leutchen an mindestens einem Volkslauf teil, davon etwa 95.000 Marathonis.

Trotzdem vermisse ich Berichterstattungen über Veranstaltungen wie die Sky-Race-Serie oder die großen Ultra-Trails in den Alpen oder den Rennsteig und und und.

Was kommt stattdessen ? Scottish Bowling (betreibt das überhaupt jemand außerhalb von GB?), Dart (ist mir schon nach 5 Minuten zu langweilig), Livefussball vom Spitzenspiel der dritten mexikanischen Liga, haufenweise Dokusoaps (was haben die auf einem Sportsender zu suchen, wenn sie nicht das Geringste mit Sport zu tun haben ?) ...

Das Einzige was über Ultraläufe kommt, sind drittklassig recherchierte Pseudodokus über angebliche Laufsüchtige.

Wie wäre es wenigstens mal mit einem gut gemachten 30-Minuten-Portrait von einem der Spitzen-Ultras wie Kilian Jornet, Anton Kupricka oder Emelie Forsberg (die sieht sogar noch verdammt viel besser aus als das was so im Dschungelcamp herum rennt) ? Die Liste ist beliebig erweiterbar.

Also : Falls einer von Eurosport oder Sport1 das hier liest - mal darüber nachdenken. Daraus könnte man bestimmt etwas machen und die Übertragungsrechte für den Eiger-Ultra gibt es bestimmt für fast lau. Warum ist eigentlich der österreichische Brausehersteller (der mit dem Formel1-Team) da noch nicht kräftiger eingestiegen? Die richtig heftigen Sachen wie der Transvulcania, der UTMB oder diverse 100-Meilen-Rennen in den USA müßten doch eigentlich in deren Konzept passen.

 


Trends, Trends und noch mehr Trends

Die Laufzeitschriften machen sich ja regelmäßig den Spaß daraus, einen neuen Trend hochzujubeln.

Was hatten wir innerhalb kürzester Zeit nicht schon alles an "neuen" Trends. Das Barfußlaufen (habe ich schon anno 1995 am Strand von Fuerteventura gemacht), Trail-Running (hatten wir schon in der Schule, weil es zum Sportplatz zu weit war und unser Sportlehrer der Meinung war, daß es gesünder ist vor dem Geräteturnen einen Kilometer querfeldein durch den Wald zu rennen), Crossfit (kennt eigentlich jeder, der schon mal ein Fitnesstudio von innen gesehen hat, bekommt aber alle zwei Jahre einen neuen Namen), Survival-Runs (1. kenne ich vom Bund , 2. wenn die ganzen ehemaligen Wehrdienstverweigerer wüßten, daß dieses Format von einem britischen Ex-Ausbilder für Spezialeinheiten erfunden wurde ...) und jetzt Urban-Running (oder so ähnlich). Mache ich seit Jahren im Winter wenn ich keine Lust habe mit der Stirnlampe durch den Wald zu laufen und Wildschweine und Hundebesitzer zu erschrecken und stattdessen durch die gut beleuchtete Stadt laufe.

Sorry, aber diese ständige Trendjubelei ist so unnötig wie Fußpilz. War alles schon mal da, aber "old-school" oder "retro" sind ja auch schon wieder Trends.

 


Warum "keine Lust" kein Problem ist

Sobald Profisportler - egal in welcher Sportart - einen Wettkampf absagen oder ihre Saisonplanung ändern, müssen sie sich ja gleich bei den Fans entschuldigen, sich vor den Medien rechtfertigen und bei den Sponsoren den Kotau machen. Wenn es an einer Verletzung liegt, ist es noch einigermaßen einfach, aber wenn ein Sportler gerade einmal mental nicht in der richtigen Verfassung für Leistungen im Weltklassebereich ist, wird es schwierig. Dann müssen Entschuldigungen her, die mindestens ein halbes Dutzend Fachbegriffe aus dem Handbuch für angewandte Psychologie enthalten.

Warum nicht einfach mal zugeben, daß man derzeit zu irgendetwas einfach keine Lust hat? Zugegeben. Der Sponsor würde die Hände über dem Kopf zusammen schlagen, der Trainer vor laufender Kamera in die Tischkante beissen und erst das Geplärre der Couchweltmeister. "Der soll sich mal nicht so anstellen", "total unprofessionell", "der verdient schließlich sein Geld damit", "der soll endlich seine Karriere beenden" bla bla bla.

Ein paar Sportstars könnten es sich sicher leisten auch mal ganz offen "keine Lust" zu sagen, aber gehört habe ich es noch von keinem. Wäre aber ehrlicher als die verzweifelte Suche nach schön klingenden Ausreden. "Profi" heißt schließlich nur, daß man mit irgendeiner Tätigkeit sein Geld verdient, aber nicht daß man eine Maschine ist.

Da bin ich doch froh, daß ich als Hobbysportler keinen Trainer, keinen Manager und keinen Fanclub habe. Ich habe derzeit zum Beispiel keine Lust auf Tempogebolze und Intervalltraining. Lieber längere Distanzen, meinetwegen auch mal ein schnellerer Kilometer, aber bloß kein 5-10K-Gerenne voll am Limit. Lieber so was wie heute beim Winterlauf in Lorsbach. 30 Kilometer schön im Rhythmus durch den Wald. Kein Puls jenseits der 180, keine pfeifende Lunge auf der Zielgeraden. Vielleicht wieder nächstes Jahr im Sommer.

Also Storno und Salto rückwärts. Alle geplanten Crossläufe und den 10K-Sylvesterlauf aus dem Kalender gestrichen und stattdessen ein paar weitere Läufe aus diversen Winterlaufserien ins Programm genommen. Mal schauen wie oft ich bis Rodgau die 30K schaffe. Und wen interessiert es ? Zum Glück niemanden.

 


Einfach unkompliziert

Bei einer kleinen Trainingsrunde habe ich mir heute überlegt, warum ich so gerne laufe und das Laufen inzwischen allen anderen Sportarten vorziehe.

Antwort : Es ist einfach unkompliziert. Schuhe an, Klamotten an und raus.

Keine stundenlangen Diskussionen per Whatsapp ob das Training nun stattfindet oder zu viele Leute mal wieder keine Böcke haben.

Kein "Wieso ist die Sporthalle schon wieder geschlossen ?"

Kein "Ich habe den Hallenschlüssel vergessen. Hast du zufällig einen dabei?"

Kein "Wir können heute nicht trainieren. Die Heizung ist kaputt / Die Halle steht unter Wasser / Der Hausmeister hat gesagt ... (passendes bitte unterstreichen)"

Könnte man eigentlich eine neue Top 10 draus machen. Mal drüber nachdenken.


Eine Lanze für den Dorflauf

"Dorflauf" klingt in manchen Zeitschriften-Rubriken immer etwas abwertend. Viele denken da wohl an chaotische Organisation, Zeitmessung von Hand oder Zuschauerzahlen wie beim Kreispokalendspiel im Minigolf.

Ist nicht wink

Ich laufe immer wieder gerne bei diesen Dorfläufen, auch wenn dort weder kenianische Profis noch berühmte Buchautoren am Start sind. Man trifft immer mal wieder alte Bekannte, die man beim großen Citymarathon vergeblich suchen würde und bekommt gelegentlich auch mal die Urkunde vom Ortsbürgermeister persönlich in die Hand gedrückt. Außerdem muß man sich kein halbes Jahr vorher anmelden und das Startgeld ist zumeist nicht viel teurer als eine Packung Zigaretten (wenn überhaupt).

Egal ob Hadamar, Salchendorf, Flacht oder Leihgestern. Ein paar "Dorfläufe" gehören einfach jedes Jahr irgendwo in meinen Terminkalender.

 


"El Machos" großer Auftritt

Mal ehrlich. In kaum einer anderen Sportart ist so oft vom inneren Schweinehund die Rede wie beim Langstreckenlauf. Angeblich meldet er sich ja immer dann, wenn es mal nieselt, die Außentemperatur unter 10 Grad liegt oder im Fernsehen ein wichtiges Spiel der zweiten mexikanischen Liga übertragen wird. Und das obwohl wir Langstreckenläufer schon im Training Strecken zurück legen, mit denen man bei seinen Mitmenschen für hochgezogene Augenbrauen sorgt und wir eigentlich als eher harte Hunde gelten. Manche Kolumnisten geben dem Vieh sogar einen Namen ("Marvin") und widmen ihm dutzende von Artikeln.

Sein direkter Gegenspieler wird dagegen kaum erwähnt. Er ist auch nur eine innere Stimme, hat aber den Tonfall eines Ausbilders bei der Fremdenlegion, das Gemüt des Terminators und die Gnadenlosigkeit Djangos. Das ist "El Macho". Die Sublimation aus Ehre und - manchmal übertriebenem - Ehrgeiz, gepaart mit dem was die richtig harten Jungs und Mädels gelegentlich als "eisernen Willen" bezeichnen.

Man lernt ihn zum Beispiel beim Dezember-Marathon in Bertlich kennen. Total flache Strecke, nichts Besonderes aber es lief irgendwie nicht rund. Zu kalt, zwischendurch ein Regenschauer, die Muskulatur ist schon seit Kilometer 30 nicht mehr locker und bei Kilometer 35 zieht auch noch der nette Herr aus der M60-Klasse mit einem aufmunternden Kopfnicken vorbei. Ich hänge mich verzweifelt dran, aber bei Kilometer 39 ist Feierabend und ich lasse ihn endgültig ziehen. Der innere Schweinehund jubelt und ich plane einen gemütlichen Spaziergang bis kurz vors Ziel um dann wenigstens noch optisch locker ins Sportstadion einlaufen zu können. Pfeif auf die Zeit. Die Ergebnislisten schaut sich doch eh keiner an. Hauptsache gefinished und für den Rest des Wochenendes ist man der Sportheld der Familie.

Genau in diesem Moment holen zwei ältere Damen in orangefarbenen Laufjacken unaufhaltsam auf, die sich angeregt auf holländisch unterhalten. Es schlägt El Machos große Stunde.

"Hallo ? Gehts noch ? Aufwachen ! Natürlich gibt es massenweise Niederländer, die schneller laufen als du und massenweise Frauen die viel schneller laufen als du und auch ältere Frauen gegen die du nie eine Chance haben wirst. Aber willst du dich wirklich auf den letzten Kilometern von den beiden abziehen lassen ? Schwing die Hufe, Mann!"

Die Vernunft sagt "mach lieber langsam und hol dir keinen Krampf auf den letzten Metern" aber El Macho betätigt die Testosteronpumpe. Der innere Urmensch röhrt einen Kriegsschrei, der jeden Säbelzahltiger in die Flucht geschlagen hätte und ich gebe noch mal Gas. Die letzten zwei Kilometer laufe ich in 10 Minuten, der Sportsfreund aus der M60-Klasse kommt nur ein paar Meter vor mir ins Ziel. Wir geben uns kurz die Hand und ich denke nur "bloß keine Dehnübung, sonst verabschiedet sich die Wade mit einer Zerrung". Die beiden Damen aus dem Land der Tulpen und Deiche unterhalten sich immer noch angeregt als sie eine Minute nach mir ganz entspannt ins Ziel kommen, während ich Richtung Parkplatz gehe und versuche, ein Humpeln zu unterdrücken. Ich bezahle die Aktion mit zwei Tagen üblem Muskelkater und brauche über eine Stunde bis ich losfahren kann, ohne beim Tritt auf die Kupplung einen Krampf zu riskieren.